Liebe Gemeinde,
was sie hier vor sich auf der Kanzel sehen, ist Herr Grummel. Ich habe ihn heute mit in die Kirche gebracht, obwohl er sonst ganz oben auf einem Bücherregal sitzt und mürrisch runterschaut auf alles, was da vor sich geht.

Warum habe ich Herrn Grummel mitgebracht? Nun, er hat einige Eigenschaften, die uns zwar ganz fremd sind, die uns aber helfen, das diesjährige Motto zum Tag des Offenen Denkmals besser zu verstehen. Es lautet: „Gemeinsam Denkmale erhalten.“

Als ich es das erste Mal sah, dachte ich: Was für ein unkonkretes Allerwelts-Thema! Alleine Denkmale erhalten wäre ja auch ein bisschen schwierig. Oder würden Sie das gern im Alleingang für die Pauluskirche samt der anderen Denkmale der Stadt, des Landes und der Republik übernehmen? Gemeinsam funktioniert schon besser. Aber wie geht gemeinsam? Wie entsteht, wie bleibt und trägt so etwas wie Gemeinschaft?
 
Vielleicht erklärt man es am einfachsten daran, wie Gemeinschaft NICHT entsteht. Und hier kommt Herr Grummel ins Spiel. Er lebt – uns natürlich ganz fremd und unverständlich – genau so, wie es nicht geht.

Ich sollte dazu sagen, dass ich zwar Herrn Grummel dabei habe, aber dass es in freier Wildbahn männliche und weibliche Grummel gibt. Die folgenden Beispiele sollen verdeutlichen: was kennzeichnet einen Grummel oder eine Grummelin?

- Ganz klar, als erstes: er oder sie grummelt gern. Grummel finden, dass irgendwie alles nicht ganz so ist, wie es sein sollte, und dass man darüber mal ausführlich reden sollte. Am besten sofort. Ohne so eine grundlegende Wolke von Unzufriedenheit würde man das Leben zu leicht nehmen. Als Grummel kennt man seine Pflicht und lebt in ständiger Grummel-Bereitschaft, praktisch eine Art Feuerwehr im Einsatz gegen jedes aufflackernde Feuer guter Laune.
- Diese grundsätzliche Grummelbereitschaft, die nur durch ständiges Training erhalten bleibt ergänzt der Grummel oder die Grummelin durch ein kleines Arsenal weiterer Techniken, die Menschen vor haltloser Gemeinschaftsfreude und Fröhlichkeit bewahren
- dazu gehört die phantasievolle Vorstellung all dessen, was alles schief gehen oder nicht zu schaffen sein könnte. Wenn man es sich und anderen immer wieder vor Augen malt, hilft das der Gemeinschaft sehr, nicht zu sehr abzuheben und damit das erst gar nicht geschieht, auch mal ganz am Boden zu sein.
- ein anderes Mittel, die Gemeinschaft vor ausufernder Lebens- und Schaffensfreude zu bewahren, besteht darin, dass man bei sich andeutenden Meinungsverschiedenheiten Öl ins Feuer jeder noch so kleine Spannung gießt. Natürlich sollte man das nicht offen tun: das könnte ja dazu führen, dass die Sache schnell geklärt wird, oder man sich zumindest aussprechen kann. Nein, es ist aus Grummel-Sicht viel effektiver, jemanden beiseite zu nehmen und zu grummeln: „Wusstest Du, was der oder die gesagt hat? Oder falsch gemacht hat? Ist das nicht unglaublich?“ Und wenn es dann noch gelingt, ein bisschen Misstrauen zu säen, dann ist schnell wieder ein Zustand hergestellt, der dem Grummel liegt: dann gucken im Prinzip alle so wie er hier vorne und ahnen das Schlechteste – auch wenn man es nicht genau weiß.
- Genauso wichtig wie Grummelbereitschaft ist schließlich für alle Grummel die auch nur mit viel Übung hoch gehaltene Fähigkeit, aus jedem denkbaren oder undenkbaren Grund beleidigt zu sein. Das ist ganz wichtig! Grummel leben von dem Gefühl, dass andere ihnen was schulden oder verweigern und sie deshalb grummeln dürfen, ja geradezu grummeln müssen.    

Und indem ich nun auch nur von den Gewohnheiten von Grummeln erzähle, erwischt es Sie vielleicht schon, und Sie beginnen sich zu fragen, ob alle diese Beispiele irgendwelche Anspielungen auf lebende Personen enthalten. Gucken Sie sich jetzt besser nicht um! Das könnte die Irritation vergrößern.

Nein, keine Sorge, falls sie das schon fragen wollten: ich habe mit Herrn und Frau Grummel niemanden speziell gemeint und auch keine Anspielungen machen wollen. Das hieße ja ganz im Sinn des Grummels, immer nur auf andere zu sehen und nicht auf sich selbst. Ich habe stattdessen, Sie ahnen es schon, etwas gemeint, was in uns allen steckt und uns allen gelegentlich Gemeinschaft und Leben schwer machen kann. Wir alle sind nicht ganz frei von solchen Seiten – Luther hätte sie den alten Adam oder die alte Eva in uns genannt -  und man kann diesen menschlichen Seiten immer wieder, mal weniger und mal mehr, im Alltag begegnen, je nachdem, was Menschen gerade umtreibt.

Gemeinschaft bilden heißt deshalb immer wieder: solche Hindernisse überwinden. Vergeben und selbst „tut mir leid“ sagen, wenn es mal wieder gegrummelt hat. Das ist gar nicht so leicht und ist gar nicht so selbstverständlich. Wie entsteht tragfähige Gemeinsamkeit? Nur als Zweckgemeinschaft, aus dem gemeinsamen Zweck, ein Denkmal wie diese Kirche zu erhalten?

Jesus war der Meinung, dass Gemeinschaft nicht einfach so funktioniert und auch nicht von unserem guten Willen allein abhängig sein sollte – der nicht immer so gut ist. Sie braucht ein Fundament, das nicht von unseren Augenblicks-Zielen und Launen abhängt, die sich ständig ändern können. Jesus war überzeugt, dass unsere Fähigkeit, gemeinsam zu leben, eine geistliche Gabe ist, die ganz und gar abhängt von der Güte und Liebe Gottes und davon, dass uns beides bewusst ist. Denn das, was Gott uns schenkt, geduldige Liebe, vergebungsbereite Großzügigkeit, die Fähigkeit, in Gottes Geist Gutes und weniger Hilfreiches unterscheiden zu können, das alles ist Gottes Gabe, ist etwas, das dankbar wahrgenommen werden und dann weitergegeben werden will.

Auf dieser Grundlage hat Paulus seiner Gemeinde in Korinth gesagt: Ihr seid alle so verschieden, dass es eigentlich immer Anlass zum Grummeln gäbe. Die einen sind von Petrus getauft worden, die anderen von XY. Sind das jetzt konkurrierende Parteien innerhalb der Gemeinde? Soll das ein willkommener Ausgangspunkt für wechselseitiges Gegrummel sein? Die einen sind reicher, die anderen ärmer, die einen beachten gewissenhaft religiöse Vorschriften, die anderen nehmen es nicht ganz so genau, die einen können in Zungen reden, die anderen nicht so sehr? Soll das alles zur Zerreißprobe für die Gemeinschaft werden? Nein sagt Paulus, und entwickelt sein bis heute zielführendes Konzept der Charismen, der Vielfalt der Gottesgaben, das für die Christen in Korinth ebenso Leitbild werden konnte wie für uns heute.

Was meinen wir normalerweise, wenn wir davon sprechen, dass jemand „Charisma“ hat? Wir meinen Menschen, die durch ihre Ausstrahlung faszinieren. Das ist aber nur zum Teil identisch mit dem, was die Bibel unter Charisma versteht. Das Wort „charis“ heißt zunächst „Gnade“, und bedeutet eine Art Bonusgeschenk, das ein Beamter zu besonderen Anlässen wie des Kaisers Geburtstag bekommen konnte. Im christlichen Sprachgebrauch ist damit ein besonderes Geschenk Gottes an jede und jeden von uns gemeint. Uns allen wird durch die Taufe zugesagt, dass wir als Gottes Kinder nicht ohne ein Bündel von Gaben durchs Leben gehen. Wir sollen sie im Miteinander entdecken und entfalten.

Sie kennen das alle: es gibt Menschen, die durch ihre Art zu lachen andere zum Lachen bringen. Ich nenne bewusst dieses Beispiel, weil mit Gaben nicht immer gleich hoch entwickelte Fertigkeiten gemeint sind. Es kann nicht jede und jeder so gut Orgel spielen wie unser Kantor Jens-Peter Enk. Mit Charismen ist einfach das gemeint, was an Gaben und Möglichkeiten in uns steckt, und was uns und anderen im Alltag und im Miteinander gut tut. Und jede und jeder von uns hat diese Fähigkeit auf vielfältige Weise mit auf den Weg bekommen: anderen und sich gut zu tun! Gott hat einfach seine Freude daran wenn wir die von ihm geschenkten Gaben so entfalten und einsetzen. In diesem Sinn sind wir alle Charismatiker!

„Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist.“ sagt Paulus. „Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller.“
So bringt es Paulus in 1 Kor 12, 4–7 auf den Punkt. Davon verschwindet das menschliche Gegrummel nicht gleich ganz aus unserem Leben. Aber es verliert die Oberhand. Es ist überwindbar mit Lust und Liebe, Humor und Zuversicht. Unsere Verschiedenheit ist nicht bloß ein Problem. Sie eröffnet Möglichkeiten, wie in Fußballmannschaften. Es wäre auch da ja nicht gut, wenn alle Stürmer oder Verteidiger oder Torwarte wären. Elf Torwarte können kein Spiel gewinnen. Oder Paulus sagt: es ist wie mit eurem Körper: eure Glieder sind erst stark im Zusammenspiel, und dabei sind alle wichtig in ihrer Verschiedenheit. Durch Gottes Gnade wird aus der Vielzahl der Stimmen ein Konzert der Gaben: eine Art Projektchor des Lebens.

Menschen, die mit solcher Einstellung zusammenkommen, schaffen vieles. Von diesem Hand in Hand lebt unsere ganze Kirchengemeinde. Und von diesem Hand in Hand lebt auch ein Projekt wie die Erhaltung der Pauluskirche durch den Freundeskreis und die ihm zugehörigen Menschen, in all ihren verschiedenen Rollen. Und natürlich gehören dazu auch immer Menschen aus dem weiteren Umfeld, im Stadtteil, in anderen Initiativen, in allen Formen von Kooperation.

Werfen wir einen letzten Blick auf den Grummel: selbst er hat heute einen konstruktiven Beitrag ge

leistet: uns daran zu erinnern, was die Gemeinschaft stört und das Leben schwer macht, und wieso es anders besser geht und mehr Freude macht. Jetzt wandert er wieder zurück auf das Bücherregal, von wo er mürrisch hinunterschauen darf. Und jedes Mal, wenn ich hochschaue, muss ich schmunzeln, weil ich weiß, woran mich dieser Blick erinnern soll: daran, dass wir alle mit anderem Blick und anderen Gaben unterwegs sein können dank der Gaben, die Gott uns für unser Miteinander schenkt. Amen.


Dirk Frickenschmidt