Fair leben als Christ!

Fair leben als Christ!

Liebe Gemeinde,
kennen Sie den unschuldigen Blick von Kindern, den sie gelegentlich aufsetzen, wenn jemand fragt, wer an der Keksdose gewesen ist? Was einmal als kindliche Unschulds-Miene begonnen hat, kann bei Erwachsenen zu einer ausgewachsenen Lebenseinstellung werden. Ich denke dabei immer an ein sehr treuherzig daherkommendes Karnevalslied, dass dieses „Schau mir in meine harmlosen Kinderaugen“-Lebensgefühl auf Erwachsene ausdehnt: wir sind alle kleine Sünder, mit Betonung auf „kleine“, und unter dem Motto: „das macht doch nichts, das merkt ja keiner.“

Wir sind alle kleine Sünderlein,
's war immer so, 's war immer so.
Der Herrgott wird es uns bestimmt verzeih'n,
's war immer, immer so.

Denn warum sollten wir auf Erden
schon lauter kleine Englein werden?
Wir sind alle kleine Sünderlein,
Englein können wir im Himmel sein.

Wir dreh'n uns nach hübschen Mädeln um,
Und die Mädeln wissen schon warum,
Denn wenn wir nit zueinander streben,
dann kann's ja keine neuen geben!
Drum dreh'n wir uns nach den Mädeln um,
Und die Mädeln wissen schon warum,
's war immer, immer so.

Uns quält oft ein großes Durstgefühl,
Und dann sind wir immer sehr labil,
Erst woll'n wir nur ein Gläschen naschen,
doch dann gibt's nur noch leere Flaschen . . .

Refrain:
Wir sind halt alle kleine Sünderlein,
's war immer so, 's war immer so.
Doch der Herrgott wird's bestimmt verzeih'n,
's war immer, immer so.

Der Apostel Paulus hätte nicht viel von solchen Nebelkerzen der Selbstverharmlosung gehalten und auch nicht vom Geschwafel über einen sogenannten „Herrgott“, den man sich als Abnicker zurechtmacht – und von dem einfach vorausgesetzt wird, dass er gefälligst über alles hinwegsieht, über das man gern selbst hinwegsehen möchte.

Seiner jungen Gemeinde in Thessaloniki gibt er im heutigen Predigttext mit auf den Weg: Geht als Christen achtsam miteinander um, auf eine Art und Weise, die nicht oberflächlich ist und die Alltagsversuchungen und Alltagssünden nicht durch Wegsehen relativiert.
1. Thessalonicherbrief 4, 1-8                                  

1 Weiter, liebe Geschwister,
bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesus,
da ihr von uns empfangen habt,
wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen,
was ihr ja auch tut -,
dass ihr darin immer vollkommener werdet.

2 Denn ihr wisst, welche Gebote wir euch gegeben haben
durch den Herrn Jesus.
3 Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung,
dass ihr meidet die Unzucht
4 und ein jeder von euch
seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung,
5 nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen.

6 Niemand gehe zu weit und  übervorteile seinen Bruder im Handel; denn der Herr ist ein Richter über das alles,
wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben.
7 Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit,
sondern zur Heiligung.

8 Wer das nun verachtet,
der  verachtet nicht Menschen,
sondern Gott,
der seinen heiligen Geist in euch gibt.

Predigttexte wie der heutige von Paulus irritieren Menschen heute! Denn sie wurden in früheren Zeiten gern dazu verwendet, Menschen von oben herab öffentlich Moral einzubläuen. Die Kirchenoberen erklärten dem Fußvolk, was erlaubt war und was nicht, und im Miteinander sorgte dann die öffentliche Moral dafür, dass alle aufeinander aufpassten und reihenweise Splitter im Auge des anderen fanden, während sie Balken im eigenen Auge übersahen – so hat es Jesus einmal schön auf den Punkt gebracht.
Durch so eine von außen verhängte und äußerlich beachtete Moral hat auch das Wort „moralisieren“ einen schlechten Beiklang bekommen. In der Neuzeit erfolgte prompt die Gegenbewegung gegen die ungeliebte Zwangsjacke der öffentlichen Moral. Nun hieß es: Gesetze müssen eingehalten werden, aber mein persönliches Benehmen ist Privatsache. Mir hat niemand etwas vorzuschreiben, solange ich nicht gegen Gesetze verstoße.
Statt moralisieren war jetzt relativieren angesagt und ist es bis heute. Viele Menschen versuchen heute, zwischen Gesetz und Gerechtigkeit auf der einen Seite und Moral auf der anderen Seite zu trennen. Gesetz und Gerechtigkeit sind seitdem für die großen Zusammenhänge da und sollen verhindern, dass jemand einen Bankraub begeht oder Ähnliches. Moral dagegen ist private Auslegungssache. Es gibt noch das je nach Geschmack verschiedene Naserümpfen über schlechtes Benehmen aus der jeweiligen Sicht: aber darüber kann man streiten. Fast alles von dieser Art kann man so oder so sehen, und in der Dämmerung sind alle Katzen grau.
Diese Unterscheidung zwischen großen Regeln oder Gesetzesmoral und kleiner Privatmoral im hat seltsame Folgen: wenn jemand wie Uli Hoeneß im großen Stil Steuern hinterzieht und dafür sogar ins Gefängnis muss, kann sich jede/r ein Urteil bilden. Dann darf das auch öffentlich diskutiert werden. Aber wenn jemand nicht erwischt wird oder bei weitem nicht zu dieser Einkommensklasse gehört, dann ist das etwas ganz anderes. Warum sollte „man“ (sprich: wir alle) Geld verschenken, wenn man es sich sichern kann? Wenn also ein Normalverdiener in Deutschland dem Hobby nachgeht, Steuern zu vermeiden – notfalls auch durch Trickserei und Unwahrheiten – dann sehen die Betreffenden das erst mal nur als eine private sportliche Übung an, über die kein anderer zu richten hat.

So geht das quer durch alle Werte-Bereiche. Im „großen Ganzen“ wollen wir alle die Welt ökologisch retten und finden, „die da oben sollten mal was tun“: das ist gute Moral. Aber im kleinen fällt es uns deshalb nicht weniger schwer, den Fuß vom Gas zu nehmen, wenn wir es auf der Autobahn eilig haben, ein Ziel zu erreichen: ich weiß das aus eigener Erfahrung. Unser Leben ist voller Versuchungen, zu unserem eigenen kurzfristigen Vorteil oder für unsere Wünsche mal wieder „fünfe gerade sein zu lassen“.

Wenn also eine prominente Ehe wie die von Brangelina (Brad Pitt und Angelina Jolie) auseinandergeht, dann ist das ein hin und her diskutiertes Ereignis und die Öffentlichkeit verbeitet Einschätzungen darüber, wer wohl mehr oder weniger Schuld an der Trennung hat.
Wenn aber wir selbst den uns lieben und nahestehenden Menschen nicht genug Zeit und Aufmerksamkeit schenken, ist das dagegen ein reines Kavaliersdelikt – auch wenn das in Partnerschaften auf Dauer gravierende Folgen bekommen kann. Im Lesungstext haben wir Jesu Wort gegen die Ehescheidung gehört. Aber die Trennlinie geht dabei ja nicht zwischen denen, deren Ehen oder Partnerschaften gescheitert sind und denen, die zusammenbleiben! Die Trennlinie geht zwischen den Selbstgerechten, die sich getrennt oder gemeinsam immer genau richtig finden, und all denen, die die Aufgabe ernst nehmen, für ihre Beziehungen etwas zu tun und in all ihren Problemen und Selbstzweifeln ehrlich um Gottes Hilfe bitten.

Wenn jemand in einem unbeobachteten Moment völlig Unsägliches und Unakzeptables über Frauen – darunter auch verheiratete Frauen – von sich gegeben hat, wie Donald Trump, dann sagen wir zwar zu Recht: so jemand kann unter gar keinen Umständen Präsident eines Landes werden! Aber die in diesem Fall richtige Schlussfolgerung entlastet uns deshalb immer noch nicht davon, auf unser eigenes Leben und unsere eigenen Versuchungen zu schauen, auch wenn sie nicht in diese dummdreiste Kategorie gehören. Der falscheste Schluss, den wir aus der Sicht des Paulus ziehen könnten, wäre: „dagegen bin ich ja vollkommen harmlos!“ Sie wissen schon: wir sind alle ja nur kleine Sünderlein. „Zwinker, zwinker“.

Nein, ganz im Gegenteil: wir sind alle bei weiten nicht harmlos genug, um nicht andere verletzen und übersehen zu können, ihre Rechte missachten, ihnen Unrecht tun, sie nerven und dominieren oder schlecht über sie reden könnten. Nein, wir sollten nicht mit dem Finger auf andere zeigen, nur damit wir nicht über unsere eigenen Versuchungen nachdenken müssen!

Der Apostel Paulus spricht in unserem Predigttext nicht in diesem allgemeinen Stil über die schreckliche Welt und ihre vielen Verfehlungen. Er sagt nicht „aber wir Christen waschen unsere Hände in Unschuld und haben mit all dem nichts zu tun“. Stattdessen spricht er genau die zu Christen gewordenen Menschen so überaus direkt und unverblümt auf ihr eigenes Leben an!
Paulus war offenbar davon überzeugt, dass es neben dem Moralisieren über andere und dem sich selbst in Nebel hüllen noch eine bessere Möglichkeit gibt. Im Grunde funktioniert es mit der Moral, die sich an Gottes Willen ausrichten will, ganz ähnlich wie mit der Disziplin. Wir wissen das alle aus eigener Erfahrung:  Wenn jemand uns von außen Disziplin vorschreibt und uns sagt: ab morgen machst Du jede Woche drei Waldläufe, dann wird das nichts!  Oder wenn zum Beispiel ein Trainer oder eine Trainerin ihren Schützlingen Disziplin verordnet, dann wird das Ganze nur dann gut funktionieren, wenn aus der Disziplin Selbstdisziplin wird, d.h., dass der oder die betreffende sich das Anliegen, diszipliniert zu üben und zu leben, selbst gerne zum Ziel macht.

Genauso ist das mit dem Moralisieren. Allgemeines Moralisieren nur auf großer Ebene nach dem Motte „man sollte mal“, „die da oben sollten mal“ oder „wenn nur alle das und das täten, dann würde alles besser gehen“ hat keine nennenswerte Wirksamkeit. Und es hat auch früher nicht gut funktioniert, als alle sich der öffentlichen Moral noch stärker unterworfen haben: der schöne Schein ist keine Lösung. An den beiden Beispielen Sex und Geld kann man das gut zeigen.
-           Sex: alle wissen von der viel geringeren Scheidungsrate in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die lagen nicht bloß daran, dass die Ehen besser waren (auch wenn sie vielleicht aus verschiedenen Gründen verbindlicher genommen wurden), sondern auch daran, dass in so manchen Fällen der Schein nach außen gewahrt wurde und Seitensprünge und Beziehungsrisse stärker verheimlicht wurden.
-           Oder beim Geld: die saubere Fassade von Firmen nach außen nützt nicht viel, wenn intern nur Gewinnstreben um jeden Preis herrscht. Dann gibt’s eben in der Folge verseuchte Blutkonserven oder Fleischskandale oder getürkte Abgaswerte oder tausend andere Wege, das Gegenüber mit zwielichtigen Manövern über den Tisch zu ziehen. Inzwischen denken Firmen über sogenannte „Compliance“-Regeln nach, also Selbstverpflichtungen zu ethischen Standards, weil das Gewinnstreben fast alle Überreste integren Kaufmannswesens weggefegt hat.

Paulus sagt: Nein, für uns Christen geht es nicht um die schöne Fassade, und es geht auch nicht immer nur um die anderen oder das große Ganze. Es geht genau um uns selbst in den Augen Gottes, und um die sehr handfesten Versuchungen unseres Alltags. Lebt auf andere und bessere Art und Weise als die der Skrupellosigkeit oder Scheinheiligkeit, lasst Euch nicht so gehen, weil ihr aus eigener Überzeugung als Christen anders und besser leben wollt!

Im englischen gibt es ein wunderbares Wort für diese Art von Gerechtigkeit, die nicht auf den schönen Schein setzt, oder darauf, dass man nicht erwischt wird, sondern die aus Überzeugung geschieht und einem inneren Kompass folgt: das Wort Fairness. Im Wort Fairness steckt das englischen Wort „schön“, fair. Wer so handelt, sucht nicht in erster Linie die Anerkennung anderer, sondern freut sich, seinen eigenen Werten gerecht zu werden, und darüber, wie etwas Schönes daraus wird. Es ist schön, fair zu sein!

Genauso sieht Paulus unsere Spielräume als Christen:
bei den Themen Sex und Besitz geht es für ihn nicht nur darum, auf offensichtliche Unmoral zu verzichten und „anständig“ zu erscheinen, sondern um aktive Freude daran, unserem Gegenüber fair und gut zu begegnen. Die Sprache der Fairness und Freundlichkeit kennt und findet im Geist Gottes viele Formen, wenn wir nur wollen und die Aufgabe ernst nehmen! Genau das meint Paulus.

Wenn wir es so betrachten, dann ist der heutige Predigttext gar kein nerviger, erhobener, moralischer Zeigefinger, der uns drängt, brave Engel nach Schema F zu sein, während wir selbst am liebsten kleine Bengel oder Bengelinnen in der großen Nebel-Schutzzone bleiben würden. Paulus gibt uns zwar einen Anstoß, aber auf gute Weise. Er will uns aus dem bequemen Lebensgefühl der Unschuldsmiene der „kleinen Sünderlein“ herausholen und uns hineinbringen in den Bereich, in dem wir unsere von Gott geschenkten konstruktiven Fähigkeiten entdecken und mit Freude leben.

Unser Lebensmotto heißt also nicht:
Schubidi, schubida,
der Nebel schützt mich wunderbar:
sonst müsst ich ja mich selbst erkennen
und zu Fairplay als Christ bekennen.

Nein, Christen finden Nebelwerfen überhaupt nicht wunderbar. Christen haben Freude an himmlischer Christus-Fairness. Und wie wir die erreichen: das wird uns nicht von außen diktiert von hochtrabenden Menschen, die Wasser predigen und Wein trinken, sondern das gibt Gott jeder und jedem von uns in unsere eigene Verantwortung - und vertraut dabei darauf, dass wir viele wunderbare Wege zur Verwirklichung der Christus-Fairness finden!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
segne und bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Pfr. Frickenschmidt