"Gut zu wissen, wohin wir gehören ..."

Foto cor














Liebe Gemeinde! Liebe Tauffamilien!

Desorientierung heißt das Stichwort.

Ein Mann taucht auf, plötzlich, bei einer Polizeistation. Er wird ins Krankenhaus gebracht und macht einen verwirrten Eindruck. Seine Personalien kann man nicht aufnehmen, weil er weder Personalausausweis noch Führerschein oder Kreditkarte oder sonst was bei sich hat … *Wie heißen Sie?* *Wo kommen Sie her?* … Alle Fragen bleiben unbeantwortet. Denn der Mann kann zwar reden, aber er scheint etwas Entscheidendes verloren zu haben –nämlich sein Gedächtnis und seine Identität. Wie er heißt, wo er zu Hause ist, er weiß es nicht mehr. Kann sich nicht mehr erinnern. Weiß nicht mehr, wohin mit sich.

Ab und an lesen wir von solchen Fällen in der Zeitung. Hin und wieder passiert es so oder ähnlich, mit Männern und Frauen. Und wir versuchen es nachzuvollziehen, zu verstehen, uns hineinzudenken – wie das sein kann, nicht mehr zu wissen, wer man ist und wo man hingehört …

Beim Propheten Jesaja (43,1) gibt es das schöne und tröstliche Wort: „Fürchte Dich nicht! Denn ich habe Dich erlöst! Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen – Du bist mein!“

Wie wunderbar!

Beim Namen gerufen, persönlich gemeint und erkannt!

Nicht nur auf menschlich-subjektiver Ebene – sondern von Gott, der höchsten und letzlich geltenden Instanz unser kleines Menschssein – verbunden mit dem Zuspruch: Hab keine Angst! Fürchte Dich nicht!“ ??!!!

Dieses Wort kann ein ganzes Leben umspannen und tragender, tröstlicher Grund sein:


Am Grab stehend ist dies oft ein letzter Zuspruch.


Ein Leben lang möglich als Haltegriff in Zeiten von Not und Anfechtung.


Und am Lebensanfang ist es der Zuspruch, der mit dem dreimaligen Wasserbegießen jedem Täufling auf den Kopf zugesagt wird: „Fürchte Dich nicht! Denn ich habe Dich erlöst! Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen – Du bist mein!“

….

Einen Namen haben wir selbstverständlich wie jedes Menschenkind bekommen: Unseren Nachnamen im Stammbaum und in der Generationenfolge unserer Familie.

Den Vornamen individueller – vielleicht mit 2. und 3. Namen wie Friedrich oder Luise zusätzlich, vielleicht als Chantall oder Kevin in bestimmten Modephasen, oder mit völlig verrückten Namen, die aus Launen oder Über-Identifikation heraus entstanden sind – wie Jerome-Boateng oder Fee-Madonna .. ;-)

Ein Leben lang tragen wir dann – so der so - unsere Namen …

Und sind gleichzeitig mit einer viel tieferen existentiellen Frage beschäftigt, die weit über die äußere Namensgebung hinausgeht, nämlich:

Wer bin ich nun wirklich? Und wer bist Du, Mensch, der mir nahekommt?

Der Komiker Otto Waalkes hat sich über die Frage mal lustig gemacht, in der Rolle eines *Fernsehonkels*: „Ich bekomme einen Brief und ich lese: Hilfe,ich weiß nicht mehr, wer ich bin … Nana, das ist doch garn nicht so schwer, „sagt er dann, den Brief wendend, „schauen wir doch einfach mal auf den Absender!“

Ja, wenn das so einfach wäre.

Ein Name, eine Adresse, ein Wohnort …

Tatsächlich, behaupte ich, ist der Verlust bzw. die Rückgewinnung der Identität ein Hauptproblem unserer Zeit und in unserer Gesellschaft.

Denn wer sagt mir, wer ich bin?

Woher kommt mir meine Identität?

Entwicklungspsychologisch ist klar: Es beginnt mit den frühesten Bezugspersonen, den Eltern, mit der Familie. In den ersten Jahren erfahre ich entscheidende Prägungen, die mein Ich-Bewusstsein grundieren und fundieren. Das kann gelingen. Und es kann schief gehen, wenn Liebe, Ermutigung, Geduld und Fürsorge fehlen.

Und dann geht es ein Leben lang weiter:

Erzieher und Erzieherinnen, Lehrer und Lehrerinnen prägen das werdende, sich suchende Ich zum Guten und zum Schlechten.

Jeder soziale Kontext wirkt und alle Beziehungserfahrungen –vom Sandkasten über die erste Liebe bis hin zur Welt von Arbeit & Beziehung als Erwachsener – prägen Dich und mich.

Die Welt der Medien, der Werbung, der Modetrends – was ist in, was ist out? – reißen uns ebenfalls hin und her.

Und der tägliche Blick in den Spiegel? - Nicht wenige, die ihren eigenen Blick nicht wirklich ertragen. Oder ein Leben lang nur oberflächlich hinschauen. Oder eitel und selbstgefällig.

Wissen wir in all dem, WER wir sind?

Wer sagt es uns?

Definieren und verwirklichen wir uns letztlich selber?

Wo aber bleiben dann die unzähligen Opfer eines unvollendeten Lebens auf den Schlachtfeldern und in den ganz individuellen Tragödien??

Woher kommt unsere Identität –und damit, im besten Fall, unsere Gesundheit, Stabilität, unser Lebensmut und unsere Lebensfreude?

Die Männer und Frauen, die auf der Polizeistation landen – ohne Ausweis und Identität – sind Ausnahmefälle.

Aber im bildlichen Sinn wimmelt es wohl von Menschen, die hinter der Fassade des Alltäglichen und des Funktionierens, nicht wirklich wissen, wer sie sind oder woher sie sich definieren.

Wissen Sie es, weiß ich es?

.....

In der frühen Kirche gab es –zumindest so, wie wir sie praktizieren – die Kindertaufe nicht.

Es gab die Erwachsenentaufe.

Das heißt: Erwachsene Männer und Frauen begegneten der frohen Botschaft von Jesus Christus, dem Evangelium, und ließen sich taufen.

Mit der Taufe bekannten sie öffentlich ihren neu gefundenen Glauben.

Und fanden sich darin selbst mit einer neuen, beglückenden, frohmachenden Identität: „Ich bin –was immer ich sonst noch bin – ein von Gott geliebtes Kind. Ich habe Würde und ich gehe einen aufrechten Gang auch als Sklave und Bettler, weil Gott mein Woher und Wohin ist und sein Licht in mir scheint. Sie mögen mich schinden und prügeln und verachten – ich bin getauft und damit von Gott, meinem Schöpfer, geadelt. Und wenn ich einbreche, habe ich Halt in ihm. Und wenn es dunkel wird, ist er mir das Licht. Und wenn ich mich verirre, ist er meine Zuflucht und mein Zuhause!“

Schaut deshalb her – sagten die Getauften – meine Identität, die mich trägt und froh macht und mir durchs Leben hilft, liegt in Gott.

.....

Heute sind wir –in unseren volkskirchlichen Gegebenheiten –davon sehr oft weit entfernt.


Die Taufe – irgendwann mal an mir vollzogen – steht im Stammbuch. Irgendwo mit Datum und Taufspruch. *Moment, ich muss mal gucken, wo ich sie finde …*


Die Taufe – *Ach wissen Sie, unser Kind soll es mal selber entscheiden!* – Klingt gut, ist von Einigen auch gewissenhaft und ehrlich und verantwortungsvoll gemeint. Aber bei Vielen wohl doch eher ein Ausdruck von Gleichgültigkeit und Desinteresse.

Und in der Ökumene der christlichen Kirchen gibt es bis heute auch die Ablehnung der Kindertaufe, weil sie eben – so wird gesagt, in der Bibel so nicht vorkommt und ihr keine persönliche Glaubensentscheidung vorausgeht. Und wir müssen die Frage beantworten: Warum tauft Ihr fröhlich und guten Gewissens schon die Kleinsten, ungefragt und unwissend, was mit ihnen passiert?

Kirchen- und Glaubensgegner stellen diese Frage ebenfalls, manchmal recht aggressiv, sprechen von *Zwangsmissionierung* und erwecken den Eindruck, dass die Kindertaufe ja etwas richtig Unanständiges und Übergriffiges ist … ?

Warum, wozu also taufen - noch dazu unsere Kleinsten?

Die Antwort liegt in der eingangs gestellten Frage nach unserer Identität.

Denn jede Taufe bedeutet:
Du bekommst einen Personalausweis – von Gott ausgestellt.
Ein göttliches Gütesiegel, auf dem steht „Besonders wertvoll!“
Einen Reisepass, der Dir das Leben als Kind und Geschöpf Gottes weit öffnet.

Etwas Besseres, Größeres, Beglückendes können wir unseren Kleinen garnicht mit auf den Weg geben als diesen Zuspruch und diese Auszeichnung.

Es mag sein, im weiteren Verlauf Deines Lebens, dass Du mit Deinem Aussehen oder Deinen Lebensumständen nicht zufrieden bist.

Dass Du nicht so stark oder begabt oder vermögend bist, wie Du es gerne hättest.

Dass Andere Dich ständig verunsichern, mobben und Dir zusetzen.

Und Du kannst vielleicht sofort 5 Gründe nennen, warum Du mit Dir und dem Leben nicht im Reinen bist.

Aber mit der Taufe, mit Deiner Taufe, hat Gott Dir eine Würde und eine Größe und eine unantastbare Identität als sein geliebtes Kind gegeben, die Du nie verlieren kannst und die Dir keiner rauben kann.

Schon unseren Kindern tun wir damit also etwas Gutes.

Natürlich verbunden mit der Aufgabe und Verantwortung, Ihnen Ihre Taufe auch später zu erklären und den Glauben, der damit verbunden ist.

.......

Aber auch wir selbst, wie immer wir im fortgeschrittenen Leben stehen, tun uns Gutes, wenn wir unsere eigene Taufe immer wieder erinnern als etwas, was nicht nur im Stammbuch steht und kirchliche Sitte ist – sondern als etwas Großartiges, womit wir reich beschenkt sind, ein Leben lang.

Luther hat einmal sinngemäß gesagt: „Und wenn die Stürme des Lebens kommen und ich ganz unten bin … wenn es mich hin und her schüttelt und ich nicht mehr weiß, wo unten und oben ist … wenn alle Stricke reißen, aller Boden wankt … dann berufe ich mich getrost darauf: Ich bin getauft! Und meine Taufe kann ich nicht mehr verlieren! Und dann ist es so, als schlüpfe und krieche ich hinein in dieses *Ich bin getauft* wie in eine mich schützende, wärmende Höhle!“

Vielleicht machen wir es an diesem Morgen für uns konkret, indem wir – wer es nicht mehr weiß! – mal nachgucken zu Hause, an welchem Tag wir getauft sind.

Und tragen uns – warum nicht? –diesen Tag(neben allen Geburtstagen und Feiertagen und Terminen) mal rot in den eigenen Kalender ein.

Und vielleicht schauen wir auch –wenn wir’s nicht mehr wissen! – nach unserem Taufspruch aus der Bibel, der uns ganz persönlich zugesprochen wurde.

In unserer Welt voller dummer oder leerer oder fragwürdiger Sprüche entpuppt er sich vielleicht als großer Trost oder als Wegweiser, der mir jetzt und hier und heute noch einmal neu geschenkt wird.

Und auch das folgende Lied lasst uns alle bewusst und fröhlich singen, denn es gilt Jedem und Jeder von uns. Amen.

(Lied: Ich trage einen Namen)

Thomas Corzilius