PREDIGT zum EWIGKEITS-SONNTAG (20.11)

foto COR







L.G.


Es gibt Phasen in unserem Leben, in denen die Dinge in relativ ruhigen und geordneten Bahnen verlaufen.


Wir werden nicht erschüttert von Schicksalsschlägen und einschneidenden Veränderungen.


Wir leben - bei allen Alltagsproblemen und auch mühevollen Seiten des Lebens – innerlich recht stabil, gehen um mit den Alltäglichkeiten und finden immer wieder unsere Balance und unseren Ausgleich … Bis uns dann doch etwas aus der Bahn wirft, im Innersten erschüttert und unsere persönlichen Grundfesten ins Wanken bringt …


Auch in der Weltgeschichte gab und gibt es immer wieder solche Phasen und Epochen, in denen eine Gesellschaft und eine Kultur sich als relativ stabil erlebt.


Die Allgemeinheit und das Zusammenleben von Menschen ist (über das Individuelle hinaus) eine Zeitlang geprägt von einem Konsens, einer Identität und einer relativen Sicherheit.


Bis dann die Einbrüche kommen und große Umwälzungen geschehen und Katastrophen, Kriege und Umbrüche alles verändern.


Und die Grundfesten der Welt und die Grundsätzlichkeiten des Lebens ins Wanken geraten …


Ich lese, an diesem letzten Sonntag im Kirchenjahr – dem sog. „Toten- und Ewigkeitssonntag“ – zwei Abschnitte aus der hebräischen Bibel, dem Alten Testament, aus dem Propheten Jesaja:


„Die Grundfesten der Welt beben und die Erde zerbricht in Stücke. In Stücke ist sie zerspalten und geborsten. Ja, die Erde taumelt wie ein Trunkener. Sonne und Mond verlieren ihren Glanz. Wie ein vom Beben erschüttertes Haus wankt und schwankt die Erde. Und es gibt keine Hoffnung, dass sie sich wieder aufrafft und aufrichtet und in Ordnung kommt“


„ Hebet aber Eure Augen auf gen Himmel und schauet auf die Erde. Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wird wie ein Kleid veralten. Denn alles ist vergänglich und nichts ist beständig. Aber meine Gerechtigkeit soll ewig und immer bleiben. Und mein Heil kennt kein Ende.“


(Jesaja 24, 18ff. und 51.6)


.......


Manchmal wird unser eigenes, kleines Leben durch Einbrüche in seinen Grundfesten erschüttert. Und manchmal wird die ganze Welt brüchig durch Katastrophen und Krisen.


Daran knüpft der Prophet Jesaja an.


Und mit ihm viele andere Propheten, die wissen um die Abgründe und Infragestellungen eines ganz und gar nicht selbstverständlichen Lebens. Und einer ganz und gar nicht selbstverständlichen Welt.


Wir hören dies heute am sog, „Toten- und Ewigkeitssonntag“.


Dieser Sonntag beschließt kalendarisch unser Kirchenjahr – bevor die Advents- und Weihnachtszeit ab nächsten Sonntag ihren Lauf nimmt.


Er beschließt diesen dunklen Monat November … diesen eher trüben Jahresabschnitt mit „Allerheiligen“ – mit seinem „Volkstrauertag“, wo wie der Toten unserer Kriege gedenken – mit dem immer noch unerlässlichen Gedenken an die Reichsprogrom-Nacht und die Greuel in unserem Land am 9. November - und dem „Buß- und Bettag“, der leider kein Feiertag mehr ist …


Aber nicht nur kalendarisch ist der dunkle Monat November ein Spiegelbild unseres Lebens in dieser Welt.


Denn was gehört zu den letzten zwölf Monaten unseres Lebens und zu den letzten zwölf Monaten unseres Weltenlaufs?


Ich denke da heute


 an all das, was die Welt 2016 erschüttert hat: An Terror, Krieg, den IS und das Flüchtlingselend, an Rechtspopulismus und Rechtsruck in Europa, an Donald Trump als neuen US-Präsidenten und Assad, Putin und wie sie alle heißen ...


 an manche Beerdigungen und Abschiede aus dem vergangenen Jahr, wo ich selber tief berührt – und nicht nur von Amts wegen – an Gräbern gestanden und mitgeweint habe


 an persönliche Niederlagen, Versäumnisse, Schuld und Unrecht, das ich nicht mit bunten Farben übermalen kann und will


 an uns nahe stehende Menschen, die plötzlich durch Krankheitserfahrung erschüttert sind in ihrer Lebensplanung


 an Veränderungen, die hier und da anstehen und weh tun – und so gar nicht passen wollen in unsere Konzepte und Gegebenheiten


 und an die vielen Fragezeichen und In-Frage-Stellungen, die das brüchige, ambivalente Leben mit sich bringt – und die wir mit unserem Wunsch nach Gerechtigkeit, Konstanz und Belohnung so gar nicht akzeptieren wollen …


......


Ja – auch über die Jahrhunderte hinweg verstehen wir die Sprache der alttestamentlichen Propheten und Apokalyptiker noch, die von den Erschütterungen der Lebens- und Weltfundamente reden.


Natürlich in ihrer Sprache.


In ihrer Bilderwelt.


Mit ihren Ausdrucksweisen.


„Die Grundfesten der Welt beben und die Erde zerbricht in Stücke. In Stücke ist sie zerspalten und geborsten. Ja, die Erde taumelt wie ein Trunkener. Sonne und Mond verlieren ihren Glanz. Wie ein vom Beben erschüttertes Haus wankt und schwankt die Erde. Und es gibt keine Hoffnung, dass sie sich wieder aufrafft und aufrichtet und in Ordnung kommt“


Doch was ist die Antwort auf diese Erfahrung der persönlichen und weltumfassenden Infragestellungen, an die uns der Monat November mit seinen Gedenktagen und dieser letzte Sonntag im Kirchenjahr und die Prophetenrede erinnert??


Ich denke, es gibt letztendlich vier Antwortmöglichkeiten – über alle Zeiten hinweg:


Die Depression, die Verdrängung, den Zynismus … und den Glauben.


 Depression im weitläufigen Sinne bedeutet: Dass ich ertrinke und kein Land mehr sehe in meinem Meer von Traurigkeit … Was noch, könnte mich trösten und aufrichten und zurecht bringen ?? .. Ich sehe es nicht. Ich vereinsame. Ich resigniere.


 Verdrängung bedeutet: Dass ich mich den essentiellen Gegebenheiten der Endlichkeit und der Erschütterungen gar nicht stellen will und kann … und stattdessen flüchte in Zerstreuung und Geschäftigkeit … Zuviel Tiefsinn und Grübelei hilft nicht weiter … Lieber lebe und verdränge ich, was nach einer Antwort verlangt! … Aber ganz sicher um den hohen Preis, dass es mich irgendwo und irgendwie einholen wird!


 Und Zynismus bedeutet: Dass ich versuche, „den Kopf über Wasser“ zu halten, in dem ich alles zur Satire mache … mich über alles lustig mache, für alles einen „Spruch“ habe, mir gefalle in einer abfällig-überlegenen Grundhaltung zu Allem, was passiert.


Ich denke, wir alle kennen und erleben uns mit diesen Verhaltensmustern und seelischen Befindlichkeiten.


......


Doch was hebt uns darüber hinaus?


An dieser Stelle unserer Grundbefindlichkeiten greift nun das zweite Zitat aus dem alten Propheten Jesaja:


„ Hebet aber Eure Augen auf gen Himmel und schauet auf die Erde. Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wird wie ein Kleid veralten. Denn alles ist vergänglich und nichts ist beständig. Aber meine Gerechtigkeit soll ewig und immer bleiben. Und mein Heil kennt kein Ende.“


Dieses Prophetenwort hilft uns, weil es uns erinnert an eine andere Dimension von Wirklichkeit.


Ganz nüchtern und unsentimental redet Jesaja davon, dass nichts Bestand hat und alles vergänglich ist.


Im Prinzip wissen wir das ja, es ist eine Binsenweisheit


Wir wissen, dass wir nichts festhalten können – nicht die Zeit, nicht Menschen und Beziehungen, nicht Gesundheit, nicht Besitz und Erfolge, nicht die Unbeschwertheit und den Glücksgenuß.


Aber wenn das so ist – was hält und trägt uns dann bei unserem Loslassen und bei unserem Erleben und Erleiden der Vergänglichkeit?


Die bloße Feststellung „Alles vergeht!“ allein tröstet nicht.


Und die von uns immer wieder einzuübende, hilfreiche Kunst des Loslassens allein greift für mein Empfinden zu kurz.


Denn irgendetwas muss uns doch halten und tragen und Bestand haben und größer sein als unser kleines Raum-Zeit-Vergehen!


Irgendeine Dimension des Ewigen muss es doch geben, dass der Vergänglichkeit, dem Leid und dem Absurden in der Menschheitsgeschichte und im Individuellen nicht das letzte Wort überlässt!


Der Prophet redet an dieser Stelle von der Wirklichkeit Gottes.


Und bezeugt: „Ja, es gibt diese Dimension des Ewigen, die uns in allen Vergänglichkeiten trägt und hält. Es gibt diese größere, umfassende Wirklichkeit – von der wir vielleicht oft nichts sehen, nichts spüren, nichts erkennen können. Aber es gibt sie! Und sie ist größer als unsere begrenzte Vergänglichkeitswahrnehmung innerhalb von Raum und Zeit. Und von ihr her kommt zu uns Mut und Liebe, Trost und Kraft, Hoffnung und Zuversicht – inmitten all der Erschütterungen, die uns treffen und an uns rütteln “


......


Ich war als Schüler nie gut in Mathematik.


Und bin es auch heute noch nicht.


Aber erinnern kann ich mich noch an die Faszination von Koordinatensystemen, in die wir mit Lineal und Zirkel unsere Punkte und Kurven eingezeichnet haben.


Zu vielen Menschen, so scheint es mir (im Bild gesprochen), fehlt heute solch ein Koordinatensystem, in dem man die Dinge des Lebens und der Welt einzeichnen kann.


Es gibt keine sinnvolle Horizontale und Vertikale mehr.


Und somit auch keinen Rahmen, innerhalb dessen man die Punkte und Verlaufskurven des Lebens einzeichnen und sich verorten kann.


Und deshalb laufen zu viele Menschen geistlos und trostlos, ohne Orientierung und Sinn durch dieses Leben …


„ Hebet aber Eure Augen auf gen Himmel und schauet auf die Erde. Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wird wie ein Kleid veralten. Denn alles ist vergänglich und nichts ist beständig. Aber meine Gerechtigkeit soll ewig und immer bleiben. Und mein Heil kennt kein Ende.“


Heute am letzten Sonntag im Kirchenjahr – dem sog. „Toten – und Ewigkeitssonntag“ – sind wir eingeladen, uns an die ewige und übergreifende Dimension der Wirklichkeit Gottes zu besinnen und uns von ihr tragen und trösten zu lassen.


Was immer uns im vergangenen Jahr erschüttert hat oder uns aktuell gerade ins Wanken bringt:


Lasst uns die Zuversicht nicht verlieren.


Nicht unsere Lebensfreude.


Und nicht unsere Tatkraft.






Lasst uns unsere Toten bei Gott wissen.


Und das alte Gebet hören und sprechen:


Der DU allein der Ewge heißt


und Anfang, Ziel und Mitte weißt


im Fluge ubnsrer Zeiten.


Bleib Du uns gnädig zugewandt


und führe uns an Deiner Hand


damit wir sicher schreiten.


Amen

Thomas Corzilius