Respekt!

Liebe Gemeinde,

heute möchte ich nicht über einen einzelnen Bibel-Text predigen, sondern etwas zu unserem Wort “Respekt” sagen. Es gibt kein einzelnes Wort in der hebräischen und griechischen Bibel, das dem deutschen oder englischen „Respekt“ entspricht. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir in der Bibel Wesentliches über die Bedeutung und Wichtigkeit des Wortes in der heutigen Welt erfahren: auch für die Herausforderungen, die unser Zusammenleben prägen.

Menschen gehen oft erstaunlich respektlos miteinander um. Durch die Anonymität des Internets hat sich das noch gesteigert: es ist allmählich eine Kultur der geringschätzigen Sprache gewachsen, bei der Menschen einander aus geringstem Anlass oder aus niedrigen Beweggründen die schlimmsten Dinge an den Kopf werden, ohne sich gegenseitig ins Gesicht sehen zu müssen, geschützt durch hochmütige und hassbereite Anonymität.

Wir befinden uns jetzt ja in der Passionszeit. Jesus hat am Ende seines Lebens genau das erleben müssen: wie Menschen respektlos mit ihm umgegangen sind. Sie haben ihm gesagt, er habe einen bösen Geist und sei ein Samariter, also er sei aus der Sicht der ihn Beschimpfenden gar kein richtiger Jude, wie wir in der Schriftlesung gehört haben (Joh. 8,46-50). Und in der Passion in Jerusalem wurde er dann misshandelt und geringschätzig mit Purpurmantel und Dornenkrone als Karikatur eines Königs zur Schau gestellt, bevor er am Kreuz starb: so sollte ihm der letzte Rest von Achtung und Respekt genommen werden.

Wie sollen wir als Christen mit einer Kultur der Respektlosigkeit umgehen? Das höchste Gebot für uns Christen ist das Doppelgebot der Liebe. Liebe üben ist dauerhafte Aufgabe für alle Christen. Paulus sagt 1. Kor. 13 im Hohen Lied der Liebe: die Liebe ist die größte Gabe. Aber während wir als Christen Liebe üben können und sollen, können wir sie doch nicht voneinander oder gar von anderen fordern. Das Zusammenleben über Grenzen hinweg wird durch Liebe viel besser, aber man kann nicht Liebe voraussetzen für dieses Zusammenleben. Was man aber fordern und für alle voraussetzen kann, ist Respekt.

Was ist Respekt? Aus meiner Sicht ist es die grundlegende Achtung und Wertschätzung, die jeder Menschen jedem anderen schuldet, unabhängig von Status, Religion, Land und Kultur. Respekt kann man allen Menschen geben, aber auch umgekehrt von allen Menschen erwarten. Viele Menschen klagen heute über Mangel an Respekt; Rettungssanitäter, Polizisten, Lehrerinnen und Lehrer u.s.w. Aber Respekt ist die notwendige kleinste Grundlage des Zusammenlebens, zu der jede und jeder fähig sein sollte, und die jede und jeder auch von anderen verlangen können sollte.

Jesus selbst hat uns das vorgelebt. Viele Christen meinen fälschlicherweise, das Liebesgebot sei ein Verzicht auf Respekt. Es würde uns immer zwingen, die andere Wange hinzuhalten, wenn uns jemand feindselig oder geringschätzig begegnet. Aber so ist es nicht. Jesus wollte uns mit der Möglichkeit, auch die andere Wange hinzuhalten, ermächtigen zu überraschenden Möglichkeiten von versöhnlichem Umgang miteinander.

Die andere Wange hinzuhalten ist eine starke Möglichkeit im alltäglichen Zusammenleben und seinen Konflikten. Jesus wollte aber nicht, dass wir immer die andere Wange hinhalten. Im Blick auf kommende Bedrängnisse sagt er: Ihr sollt zwar ohne Falschheit sein wie die Tauben. Aber ihr sollt auch klug sein wie die Schlangen! (Mt 10,16)  Er wollte nicht, dass seine Nachfolgerinnen und Nachfolger dumm und passiv sind und alles mit sich machen lassen. Er wollte, dass sie in Selbstachtung und Klugheit ihren Glauben leben.

Er hat das ganz deutlich gemacht, als er selbst verhaftet, geringschätzig behandelt und dann sogar geschlagen wurde. Da hielt er nicht die andere Wange hin. In dieser Situation, in der es nicht um die Überwindung eines alltäglichen Streits ging, sondern um grundlegende Verweigerung von Achtung, forderte er für sich minimalen Respekt! Beim Verhör durch den Hohenpriester entgegnet Jesus selbstbewusst, dass er keine heimlichen Lehren verbreitet hat:

„Frage also die, die gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe. 

Siehe, sie wissen, was ich gesagt habe.
22 Als er so [nämlich: so selbstbewusst] redete,
da schlug einer von den Knechten, die dabeistanden,
Jesus ins Gesicht und sprach:
Sollst du dem Hohenpriester so antworten?
23 Jesus antwortete: Habe ich übel geredet,
so beweise, dass es böse ist;
habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich?"

Jesus hält gegenüber massiver Respektlosigkeit und geringschätziger Gewalt hier nicht die andere Wange hin. Er widerspricht. Er duckt sich nicht weg, sondern redet ganz klar und mit Selbstachtung. Und er lässt sich respektlose Gewalt nicht ohne Widerspruch gefallen.
Er fordert diesen grundlegenden Respekt! 

Ich weiß, wir Christen wollen bereitwillig Liebe üben. Immer und überall, soweit es uns möglich ist. Aber wir sollen dabei trotzdem nicht auf grundlegenden Respekt von anderen verzichten. Wir wollen ihn anderen geben und von anderen fordern, weil ohne ihn kein Zusammenleben möglich ist und ohne Respekt das Böse siegt!

Wir sollten immer und überall Respekt geben und fordern, wo es

-       a) um verschiedene Meinungen geht: die gibt es heutzutage nicht nur in der Familie und unter Freunden, sondern wir tauschen Meinungen über das Internet heutzutage weltweit aus, jeden Tag. Wie soll das gehen, wenn wir uns dabei nicht gegenseitig zuhören, sondern sofort andere beschimpfen, noch bevor wir genug voneinander wissen und uns ausgetauscht haben. Respekt für andere Meinungen sollten eigentlich alle Menschen zeigen! Wir sollten uns dabei offensichtlich kein Beispiel nehmen an Politikern, die wie zuletzt in den Nachrichten andere hemmungslos aufs Übelste beschimpfen, nur weil die nicht tun, was sie wollen. Oder an anderen Politikern, die ihren eklatanten Mangel an grundlegendem Respekt durch ihre Gesten und ihren Gesichtsausdruck mitten in laufende Kameras und in alle Welt hinein zeigen.

-     Wir leben b) in einer Welt mit vielen verschiedenen Lebenswelten und Kulturen. Wir können nicht unsere eigene Lebenswelt und Kultur für allein wichtig halten und andere geringschätzen. Wir erfahren immer mehr voneinander, live, jeden Tag. Auch hier heißt die Herausforderung: begegne der größeren Welt, trotz ihrer Fremdheit für dich, als erstes mit Respekt! Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter führt Jesus seinen Landsleuten vor Augen, dass die gute Welt nicht an ihrer Grenze endet. Der Samariter hinter der Grenze kann womöglich ein hilfsbereiterer Mensch sein, als Menschen, die zu meinem Land gehören und mir näher sind: das will Jesus deutlich machen. Unter Gottes Kindern gibt es keine Grenze für das Gute, und es sollte deshalb auch keine Grenze geben, an der unser Respekt für andere endet! Zu diesem Respekt gehört, dass wir an einander entdecken, wie viel Gutes und auch weniger Gutes wir sogar über unterschiedliche Lebenswelten hinweg gemeinsam haben. Wir erkennen uns im anderen neu, wo wir einander mit Respekt begegnen.

-      Und natürlich ist c) Respekt dort besonders wichtig, wo verschiedene Glaubensformen und Religionen einschließlich Nichtglauben einander begegnen. Im Zusammenhang der Religion bedeutet respektvoller Glaube, dass wir auf falschen Eifer verzichten. Der eifernde Saulus verfolgt Menschen, die er für Falschgläubige hält, aber nach seiner Bekehrung verfolgt Paulus niemanden mehr. Er lebt ohne Übereifer und Gewalt. Im 1. Korintherbrief  (9,19-23) sagt er, wie er den Juden als Jude begegnet und den Heidenchristen als einer, der deren Glauben versteht und teilt. Vor allem aber sagt er, dass er den Schwachen ein Schwacher geworden ist. Das ist typisch für Respekt: den Schwachen ein Schwacher werden! Nicht mit eigener Gewissheit protzen. Sich auch im Glauben als Suchender verstehen und anderen Suchenden mit Respekt begegnen. Nicht als Eiferer, der meint, schon alles zu wissen und die einzig wahre Form von Glauben zu haben.

Also gerade dort, wo Menschen verschiedenen Glaubens, verschiedener Religionen oder Menschen ohne Religion sich begegnen, ist Respekt unbedingt erforderlich, damit es ein Miteinander ohne falschen Eifer und ohne Geringschätzing und Gewalt geben kann! 

Keine Religion, die Menschen für Gottes Kinder hält, auch kein Agnostizismus, der Menschen für achtenswerte Geschöpfe hält, darf auf diesen grundlegenden Respekt verzichten. Wo dieser Respekt versagt wird, hört eine Religion oder eine Weltanschauung auf, selbst achtenswert zu sein. Religionen werden ohne Respekt für andere Menschen zu fundamentalistischen Bastionen des Hasses, genau wie Weltanschauungen ohne Respekt für andere zu menschenverachtenden blinden Ideologien voller Nichtachtung und Hass werden. Religionen und Ideologien, die anderen Respekt versagen, sollten von allen Menschen guten Willens gemeinsam überwunden werden. Man soll überall, wo man ihnen begegnet, Widerstand leisten, öffentlich widersprechen und diese Form des Bösen überwinden. 

Warum habe ich heute als Christ über diesen grundlegenden Respekt, über die Grenzen unseres eigenen Glaubens hinaus, gesprochen? Weil ich davon überzeugt bin, dass ohne diesen Respekt überhaupt kein friedliches Zusammenleben auf diesem Planeten möglich ist. Und weil ich davon überzeugt bin, dass Jesus uns als Christen diesen Respekt vorgelebt hat: 
- als Grundlage des Zusammenlebens für alle
- und für uns Christen auch als Grundlage, auf der wir dann mit all unserer Kraft auch Liebe üben können. Amen

Dirk Frickenschmidt