"Glaubenskrise?" - Predigt der Konfirmationsgottesdienste 9.30 & 11.00 am 21. Mai 2017



"Glaubenskrise?" - Predigt der Konfirmationsgottesdienste 9.30 & 11.00 am 21. Mai 2017



Liebe Konfirmandinnen & Konfirmanden und liebe Gottesdienst-Gemeinde heute morgen!

Ich gestehe, dass ich erst ein bisschen gezögert habe, aber dann auch Lust und Spass daran hatte, das diesjährige Gottesdienstprogramm zur Konfirmation mit einer Karikatur von Thomas Plassmann zu versehen … und damit gewollt & bewusst ein bisschen zu provozieren, nachdenklich zu machen oder ggf. auch Stirnrunzeln auszulösen!

Das heißt: Bewusst kein traditionell-beschauliches Titelbild zu einem Konfirmations-Gottesdienst - sondern eine etwas freche Provokation: Ein Pfarrer in einem Seelsorge-Gespräch, in dem Jemand von seinen Problemen mit dem Glauben, von Zweifeln & Fragen berichtet – und die einfühlsam gemeinte Frage des Seelsorgers lautet: „Und seit wann empfinden Sie diese Glaubenskrise?“ - Worauf der Gefragte frank, frei & keck antwortet: „Ziemlich genau, seit dem ich mir den Katechismus mal richtig durchgelesen habe!“ ;-))

Und damit sind wir schon mittendrin im Thema, denn anderthalb Jahre Konfi-Unterricht sind für Euch nun zu Ende. Und in dieser Zeit haben wir mit Euch versucht, den christlichen Glauben zu bedenken, zu verstehen und zu vermitteln.

Traditionell also den Inhalt des Katechismus: Das Glaubensbekenntnis, die10 Gebote, das Vater Unser und die Bibel.

Und wenn Ihr als Konfis nun so vis-a-vis und im Gegenüber zur Gemeinde sitzt – zu Euren Eltern, Familien, Gästen – dann seht Ihr Viele, die selber einmal getauft, konfirmiert oder katholisch gefirmt worden sind, vor Jahren oder Jahrzehnten. Und damit – wie man so sagt – unterrichtet worden sind in der „Christlichen Glaubenslehre“.

Doch was ist davon geblieben? Und was wird bei Euch bleiben?

Was ist das nun – ganz grund-sätzlich - mit diesem christlichen Glauben, ja mit der Religion überhaupt, in unserem Leben und in dieser Welt?

.......

Immer noch gehören Konfirmationsunterricht und Konfirmationen zum Grundbestand und zur gegebenen Praxis unserer evangelischen Volkskirche – wie schon für unzählige Generationen vor uns.

Immer noch wird getauft und wenn es soweit ist, gehört die Konfirmation in vielen Familien und im Leben vieler Jungen und Mädchen zum Werdegang dazu.

Längst nicht mehr so selbstverständlich wie früher.

Längst nicht mehr mit Zwang und einem „Du musst!“.

Und längst nicht mehr bei Allen, weil nur weil es Tradition und Sitte ist.



Aber wir schreiben das Jahr 2017.

Und da reicht es nicht mehr, geht es nicht mehr, macht es keinen Sinn mehr, Euch Jugendlichen – wie in früheren Zeiten – den Katechismus und die Glaubensinhalte einfach autoritär und „von oben“ herab ins Stammbuch zu schreiben und auswendig lernen zu lassen …

Und für uns Erwachsene – wie für Euch vorausblickend – lautet die Frage: Was ist das nun mit der Religion, dem Glauben an einen Gott und der ganzen christlichen Tradition überhaupt in dieser Welt? Macht es Sinn, hilft es?


Der Missbrauch von Religion, der im Namen eines Gottes Gewalt in die Welt bringt – wie wir es aus der christlichen Geschichte ja auch kennen - macht uns in diesen Jahren ja eher allergisch gegen alles Fromme und Religiöse.


Auch wenn dieses Jahr 2017 das 500jährige Reformationsjubiläum ist: Als Menschen des 21. Jahrhunderts können wir mit unserem Welt- und Lebensverständnis doch nicht einfach zurückspringen in einen Glauben, wie ihn die Menschen in früheren Zeiten hatten, oder?


Und Michael Schmidt-Salomon, ein populärer Verteter des sich sehr selbstbewusst präsentierenden neuen Atheismus unserer Tage, schreibt: „Ich glaube nicht dogmatisch an die Nicht-Existenz Gottes. Ich halte 'Gott' bloß für eine schlechte Hypothese, die mehr Probleme errzeugt als sie zu lösen vermag ...“

Was also – liebe Konfis, die Ihr nun weiter Euren Weg gehen werdet, und liebe Familien & liebe Konfirmationsgemeinde – machen wir hier heute Morgen?

…..

Wenn ich zurückschaue auf die letzten 1 1/2 Jahre, dann hoffe ich doch sehr, dass es uns nicht ganz misslungen ist, Euch den christlichen Glauben lebensnah, verständlich und einleuchtend zu vermitteln.


Dazu gehörte hoffentlich die Verknüpfung mit Eurer Lebenswelt, die geprägt ist vom Erwachsenwerden und Stress zu Hause, von Schule & Leistungsdruck, von Träumen und Suchen, Kräftemessen und Liebeskummer …


Dazu gehörte die klare Ansage, dass die Bibel ein Buch voller Bilder und Symbole ist – und dass etwa die 6 Tage Schöpfung oder die sprechende Schlange oder Jona im Bach des Wals oder die singenden Engel in der Weihnachtsgeschichte eben solche Bilder sind, die – richtig verstanden – noch heute und mit Tiefe zu uns sprechen ... ...


Und dazu gehörte auch die Einladung zum Fragen und Zweifeln und Suchen, weil wir damit Gott u.U. näher sind als Andere, die das garnicht mehr tun oder verdrängen …

Aber es gehörte hoffentlich auch dazu, dass Ihr ansatzweise gespürt habt, wie wichtig es für uns Menschen ist, einen Glauben zu haben, der uns durchs Leben trägt, leitet, tröstet, stark macht, korrigiert und motiviert – und dass der gute, alte christliche Glaube, der uns auch heute wieder diese Konfirmation feiern lässt, das Fundament dazu ist …

Auch Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden werdet das in Eurem weiteren Leben erfahren, dass wir Menschen ein „größeres Koordinatensystem“ brauchen, in dem wir unser Leben einzeichnen können … und die Texte, die Ihr zu lernen hattet, und über die wir gesprochen haben, sind Hinweise darauf:

Das Vater Unser. Das Apostolische Glaubensbekenntnis. Die 10 Gebote. Und der Psalm 23.

Spüren wir nicht auch heute noch – oder erahnen zumindest – ihre Kraft und Stärke und ihren erhebenden Horizont ???

….

Doch was ist das nun mit der „Glaubenskrise“, die unsere Karikatur auf dem Titelbild zum Thema macht?

Da Eure Konfirmation in das Jahr fällt, wo wir das 500jhrige Reformationsjubiläum haben, möchte ich Euch gerne nochmal an eine KU-Stunde im letzten Herbst erinnern:

Denkt nocheinmal an den Filmanfang, wo Martin Luther unterwegs in ein schweres Gewitter kommt und Angst um sein Leben hat. Und wie er dann ins Kloster geht, bei seiner ersten Messe voller Angst den Abendmahlskelch zum Himmel hält und zitternd den Wein verschüttet, und wie er hinterher in seiner Klosterzelle völlig „austickt“ und mit sich und Gott und dem Leben hadert …

Der hatte wirklich eine „Glaubenskrise“:

Weil er nicht wusste wohin mit sich.

Weil Glaube für ihn bedeutete: Angst und Druck!

Und weil er innerlich kämpfte mit etwas, was ihn schier erdrückte ...

Und das kennt Ihr Komfirmandinnen und Konfirmanden in Eurer Lebensphase und auf Eure Art ja auch: Nicht wissen, wohin mit sich ... Ängste und Druck … und die Frage: Wer einem was vorschreibt und zu sagen hat.

Aber dann entdeckte Luther das Evangelium, die frohe und freimachende Botschaft von der Liebe Gottes in Jesus.

Und das machte ihn frei.

Das gab ihm Halt und Trost für sein Leben & Sterben.

Und das machte ihn mutig und stark, seinen Weg zu gehen – auch gegen Widerstände.

.......

Eine „Glaubenskrise“ hatte er danach immer noch – aber eine ganz Andere:

Denn er konnte und wollte nicht mehr alles glauben, was er in seiner Zeit so vorfand.

Er wurde ein kritischer Geist.

Mit dem Evangelium, das ihn frei machte, konnte er seinen Mund aufmachen und „Nein“ sagen, mit klarem Blick Missstände anprangern, und ein Leben führen, dass ihn freier sein ließ gegenüber Menschenmeinung, falschen Autoritäten und Machtmissbrauch.

Das alles, wohlgemerkt, als Christ, und mit einem frohen Glauben - mit dem täglich gebeteten Vater Unser, dem Vertrauen des alten Psalms „Der Herr ist mein Hirte“, mit dem gegründet sein im christlich-apostolischen Bekenntnis zu einem Gott der Liebe, und mit der Richtschnur der 10 Lebenshilfen, die wir die 10 Gebote nennen.

So wie Ihr es nun mitbekommen habt im Unterricht.

Was davon hängenbleibt, wissen wir nicht.

Was davon Früchte trägt, morgen oder später, liegt nicht in unserer Hand.

Fragen und Lernen hören ein Leben lang nicht auf, hoffentlich.

Aber diese drei Dinge wünschen wir Euch für den Rest Eures Lebens:

Die Freiheit des Glaubens.

Den Mut des Glaubens.

Und den Trost des Glaubens.

Wir wünschen Sie Euch.

Und wir wünschen Sie uns, die wir selbst – wann & wo auch immer zurückliegend – getaufte, gefirmte oder konfirmierte Erwachsene sind.

Amen

Thomas Corzilius