PREDIGT ZUM PFINGSTFEST 4.6. Unterbarmer Hauptkirche



PREDIGT ZUM PFINGSTFEST 4.6. Unterbarmer Hauptkirche



NY 2014

Liebe Gemeinde & liebe Tauffamilie!

Heute ist Pfingsten.

Und da geht es um den Geist des Lebens.


Es ist der Geist Gottes – der schon ganz am Anfang in der Schöpfungsgeschichte eine Rolle spielt - „Ruah“ in der Hebräischen Bibel - , der alles Leben werden lässt und erhält, bis jetzt gerade, wo wir hier sitzen und atmen und unser Herz schlägt und Ole und uns alle leben lässt und es die Welt weiterhin gibt.


Der Geist Gottes, der - von Mose über die Könige und erwählte Männer & Frauen bis zu den Propheten - Menschen beruft und begabt für besondere Aufgaben.


Der Geist, der auch auf Jesus herabkam bei seiner Taufe im Bild einer Taube.


Der Geist, der zu Pfingsten auf die Jünger kommt, und auch in uns wirkt zum Glauben, Hoffen und Lieben.

Diesem Geist widmet unser Kirchenjahr ein Fest, das alljährliche Pfingstfest. Und heute ist es wieder soweit.

Dabei will ich heute morgen anknüpfen an die zurückliegenden Tage vor dem Pfingstfest – denn zwei Ereignisse gab es in den letzten 10 Tagen, die uns beschäftigt haben und die durch die Medien gingen – und die in ihrem Gehalt nicht konträrer hätten sein können:


Zum einen das Entsetzen über den amtierenden US-Präsidenten Trump und sein Agieren in Saudi-Arabien, Israel, beim Besuch hier in Europa und aktuell in Sachen Aufkündigung der Klima-Verantwortung – und die bange Frage: Wohin die Welt sich in der kommenden Zeit weiter entwickelt, wenn wir uns die Putins und Erdogans und KimdeJuns und den IS noch dazu denken ...?


Und zum Anderen der Ev. Kirchentag in Berlin und Wittenberg: Dieses fröhlich-fromme-nachdenkliche-engagierte Christentreffen, wie alle zwei Jahre, mit all den Tausenden, die da gesungen und gebetet, geredet und gefeiert haben – im Glauben und in Glaubenshoffnung.

„Entgeisterung“ und „Begeisterung“ sind die beiden Worte, die mir dazu einfallen:


Entgeisterung kann man es wohl nennen, was wir da wahrgenommen haben beim unsäglichen, katastrophalen und rüpelhaften Agieren & Weichenstellen des USA-Machthabers – in unserer eh entgleisten Welt.


Begeisterung dagegen im trotzigen, bunten, engagierten, lebendigen Christentreffen zum 500. Reformationsjubiläums.

......

Ich lese als Predigtwort aus der Bibel dazu einen Ausschnit aus dem für heute vorgeschlagenen Predigttext Johannes 16.

Der Zusammenhang sind die sog. Abschiedsreden Jesu an seine Jünger im Blick auf sein Lebensende und im Blick auf das, was danach kommt:

Nun aber werde ich zurückkehren zu Gott, meinem Vater.

Aber ihr werdet nicht verlassen zurückbleiben.

Gottes Geist wird auf Euch kommen und Gottes Geist wird Euch führen und trösten und stark machen.

Er wird Euch beistehen und in aller Wahrheit leiten.

Wenn aber der Geist kommt, wird er auch der Welt offenlegen und sichtbar machen, wo sie in die Irre geht und wo sie die heilende Gerechtigkeit verfehlt und wo sie sich selber zugrunde richtet.

......

Als ich diese Sätze gelesen und bedacht habe für diese Predigt, war ich erschrocken und getröstet zugleich.

Zunächst erschrocken, weil mir wieder mal deutlich wurde, dass die Bibel ganz nüchtern und klar unsere Welt in den Blick nimmt – und uns nicht einlullt und für dumm verkauft oder mit Illusionen in falsche Sicherheiten wiegt über das, was falsch läuft.

Jesus sagt: Wenn aber der Geist kommt, wird er auch der Welt offenlegen und sichtbar machen, wo sie in die Irre geht und wo sie die heilende Gerechtigkeit verfehlt und wo sie sich selber zugrunde richtet.

Pfingsten – das Fest des Geistes, der von Gott kommt und unser Leben will - ist deshalb zunächst ein Widerspruchsfest gegen all die finsteren, zerstörerischen Geister, die sich auf dieser Welt austoben und uns beherrschen wollen.

Deshalb gehört bei diesem Pfingstfest heute von allen Kanzeln gepredigt:

Gottes Lebensgeist steht absolut konträr zu Allem, was Trump & Konsorten ihn verkörpern.

Es ist nicht und niemals der Geist des Kapitalismus und Neo-Liberalismus, den die globale und nationale Armut nicht kümmert.

Nicht der Geist von Profit & Konzern-Interessen, die uns einspannen in Lügen.

Nicht der Geist militärischer Logik, Aufrüstung und Fronststellung, der sich uns – wie schon immer – als „alternativlos“ verkaufen wollen.

......

„Wenn aber der Geist kommt“, sagt Jesus,“wird er auch der Welt offenlegen und sichtbar machen, wo sie in die Irre geht und wo sie die heilende Gerechtigkeit verfehlt und wo sie sich selber zugrunde richtet.“

In der Bibel ist dies die prophetische Tradition.

Sie beruft Mose vor den großen Pharao, um ihm Unheil anzukündigen.

Sie lässt Elia gegen die 450 Baals-Priester antreten.

Sie beruft all die großen & kleinen Propheten wie Amos und Hosea, um die sozialen Misstände, Armut, Machtdünkel & den Machtmissbrauch der Herrschenden anzuprangern.

Das ist jetzt Politik – könnte der Widerspruch an dieser Stelle lauten.

Ja, aber Politik als Widerspruch im Namen Gottes schon in der Bibel.

Und was soll das für ein Glaube sein, der sich beschränkt auf Seelentrost & Seelenheil?

Nein, Pfingsten in diesem Jahr – zumal wenn wir mit Ole's Taufe heute das Leben feiern! - kann nicht absehen vom Weltenlauf.

Und unsere Kirchen & Kanzeln müssen auch in diesen Zeiten wieder Orte sein, wo das „Nein!“ laut wird ggü. all dem Wahnsinn, der uns da gerade wieder verkauft wird!

Für uns, unsere Kinder & Enkel – und für alle Kinder & Eltern dieser Welt, egal welcher Kultur, Nationalität, Hautfarbe, Religion & Sprache …

Und so ist es gut, auch in diesem Jahr wieder zu singen, wie wir es eben getan haben:

„O Komm Du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein/ verbreite Licht und Klarheit/ verbanne Trug und Schein“.

Und wo, wenn nicht in unseren Kirchen, muss der Widerspruchsgeist wach bleiben – gegen all die Ungeister, die uns regieren wollen,

…..

Aber man kann schon verzagen.

Und mutlos werden.

Aber gerade an dieser Stelle hören wir heute morgen: „Ihr werdet nicht verlassen zurückbleiben. Gottes Geist wird auf Euch kommen und Gottes Geist wird Euch führen und trösten und stark machen. Er wird Euch beistehen und in aller Wahrheit leiten.“

Das heisst:

Ihr werdet nicht untergehen!

Hoffnung und Kraft wird Euch zuwachsen – immer wieder neu!

Im Dennoch & Trotzdem und durch manche Täler der Resignation wird mein guter Geist Euch tragen!

Und während die Könige, Herrscher & Reiche dieser Welt kommen und gehen – wird der Geist der Hoffnung & Liebe nicht auszulöschen sein.

In der ursprünglichen Pfingstgeschichte wird dies zu einer Erfahrung.

Lukas erzählt davon.

Wie auf die ängstlichen, verunsicherten, kraftlosen und resignierten Jünger Jesu der Geist Gottes kommt.

Wie ein Brausen vom Himmel und wie Feuer auf ihren Köpfen und in ihren Herzen.

Und wie sie dadurch mutig, sicher und fröhlich werden – trotz aller Widerstände.

Ja, wie etwas von diesem Geist auch auf Andere fällt – 3000 so heißt es – die neu auf den Weg des Lebens und der Einsicht und der Umkehr kommen.

Aber was damals war, passiert weiter und immer wieder.

.......

Und so möchte ich heute – ganz bewusst im Kontext dieser Tage & Wochen – einem das Schlusswort dieser Pfingstpredigt geben, der uns Besseres zu sagen hat, als das, was derzeit aus anderen Mündern über den Ozean hinweg unsere Ohren erreicht – Martin Luther King.

Er sagt uns heute morgen:

„Wir müssen die Glut des Evangeliums der ersten Christen wiederfinden.

Die Kirche muss daran erinnert werden, dass sie weder Herr noch Diener, wohl aber das Gewissen des Staates ist.

Beteiligt sie sich nicht aktiv am Kampf um Frieden und wirtschaftliche Gerechtigkeit, schweigt sie zu Kriegsvorbereitungen und Ausbeutungen von Mensch & Natur, verrät sie ihre Mission und das Evangelium …

Übernimmt sie aber wieder ihre Mission, predigt sie beharrlich und furchtlos Frieden und Gerechtigkeit, so wird sie das geistliche Feuer der Menschen neu entfachen, ihre Seelen neu beleben und ihnen eine glühende Liebe eingeben zur Wahrheit, zur Gerechtigkeit und uzum Frieden.

Fern und nah werden dann die Menschen wissen, dass die Kirche eine große Gemeinschaft der Liebe ist, die dem einsamen Wanderer um Mitternacht Licht und Brot gibt.“

Und weiter:

„Viele Leute sind überrascht, wenn sie erfahren, dass ich ein Optimist bin. Sie erwarten, dass meine Erfahrungen mich zu einem grimmigen und verzweifelten Menschen machen. Sie haben kein Verständnis für die Stärke, die aus dem Glauben kommt.

Die Vergangenheit ist übersät mit den Ruinen der Tyrannenreiche, und jedes dieser Reiche dokumentiert nicht nurdie Fehler des Menschen, sondern auch seine Fähigkeir, sie zu überwinden.

Deshalb bleibe ich in allem Realismus ein Optimist.“

........

Worte, die nicht nur aus dem Munde eines Menschen kommen, sondern göttlichen Geist atmen.

Mir tuen diese Worte am diesjährigen Pfingstfest gut.

Und Ihnen, Euch, hoffentlich auch.

Amen

Thomas Corzilius