Predigt zu Dtn. 7, 6 – 12, 6. So n. Trin. 2017, HKU

Predigt zu Dtn. 7, 6 – 12, 6. So n. Trin. 2017, HKU
Liebe Gemeinde!
Ist Ihnen das auch schon einmal passiert, dass Sie gedacht haben: „Was findet sie nur an ihm – er an ihr – er an ihm – sie an ihr?“ Dass Sie einen gequälten Blick auf ein Paar geworfen und gedacht haben: „Tja, wo die Liebe so hinfällt...“ Und doch sind diese Paare zusammen, oft sogar sehr glücklich. Ein Teil bekommt glänzende Augen, wenn er oder sie das andere sieht; eines blüht auf in der Gegenwart des anderen.
Luther hat in seiner Heidelberger Disputation gesagt, die Liebe des Menschen entstehe an etwas/jemand Liebenswertem, die Liebe Gottes schaffe sich das für sie Liebenswerte. Nun, mit der Liebe Gottes werden wir uns in dieser Predigt zu befassen haben. Was die menschliche Seite angeht, fällt einem manchmal eher das Lied „Bei mir bistu schein...“ ein...
So was gibt’s – und wie schön ist es , dass es das gibt! Es sorgt für Überraschungen. Und: Es erzieht zur Bescheidenheit. Denn in keinem Falle (dem menschlichen wie dem göttlichen) sollte sich das geliebte Wesen einbilden, es liege an ihm oder ihr, dass die Wahl so gefallen ist, wie sie gefallen ist. Es liegt allein an der manchmal ganz unwillkürlichen, in jedem Falle aber freien Entscheidung des Gegenübers, sich gerade so zu binden, wie es nun so ist.
Natürlich ist die jeweilige Erwählung immer ein Privileg, besonders dann, wenn Gott sich aus allen Völkern auf der Erde gerade eines erwählt hat. Das könnte denn doch in Versuchung führen, sich etwas darauf einzubilden. Darum bekommt dieses im wahrsten Sinne besondere, nämlich ausgesonderte, Volk ausdrücklich gesagt: „Nicht, weil ihr zahlreicher/größer wäret als alle anderen Völker, hat sich der Herr euch zugewandt und euch erwählt – denn ihr seid das kleinste von allen Völkern –, sondern weil der Herr euch liebte und weil er den Eid hielt, den er euren Vorfahren geschworen hatte...“
Reine Liebe also, die sich in aller Freiheit aussucht, wem sie sich zuwendet, ohne dass das Gegenüber irgendetwas an sich hat, das die Zuwendung unausweichlich macht. „„Bei mir bistu schein“ eben.
Reine Liebe, ohne Verdienst. Und Treue. Gott hält, was er den Vorfahren geschworen hat, auch an den Nachkommen. Die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, die Israel gerade erfahren hat, ist ein Zeichen für diese Treue. „So sollst du erkennen, dass der Herr, dein Gott, Gott ist, der treue Gott, der den Bund hält...“ Gott ist Gott, und er ist treu und hält den Bund, den er einmal geschlossen hat – fast ist man versucht zu sagen „in guten wie in schlechten Zeiten.“ Aus der reinen, freien Liebesbeziehung wird ein ganz formell geschlossenes Rechtsverhältnis – wie bei einer Ehe oder einer Verpartnerung. Da findet das auf dem Standesamt statt, hier, zwischen Gott und Israel, ist der Bund (fürs Leben) am Sinai geschlossen worden. Die Liebe schließt einen Bund, um ihn zu halten.
Sie wird durch die Formalität nicht weniger. Aber sie erwartet Antwort. Nicht einfach Gegenliebe, so schön und besonders die ist. Sondern die Übernahme der Verpflichtungen, die ein Bund mit sich bringt und die der Gegenliebe Gestalt gibt. Eine Liebesbeziehung ist immer eine Beziehung auf Gegenseitigkeit, und das wird sie noch mehr, wenn sie ganz formell zu einem Bund wird. Im Falle Israels heißt das: „Darum halte das Gesetz, die Satzungen und Rechte, die ich dir heute gebe, und handle danach.“ Das Bundesgeschenk Gottes ist die Tora, die er am Sinai überreicht. Sie ist eine Liebesgabe, die unauflösbar mit der Erwählung verknüpft ist, bis heute: Vor jeder Toralesung steht in der Synagoge der Segensspruch „Gepriesen seist du, Ewiger, König der Welt, der uns erwählt und uns seine Tora gibt. Gepriesen seist du, Ewiger, der die Tora gibt.“
Die reine, freie Liebe Gottes wartet auf Antwort, und die besteht darin, die Liebesgabe Gottes nicht in der Vitrine verstauben zu lassen, sondern sie zu verwenden. „Halte die Gebote“, so heißt diese Verwendung. Und die Antwort bringt wiederum Gottes Antwort hervor: Ihr haltet eure Verpflichtungen ein, und ich halte meine Versprechen. Wenn ihr das nicht tut, werde ich den Bund nicht beenden. Aber ihr werdet sehen, was ihr davon habt. Die Strafe wird auf dem Fuße folgen. Gewissermaßen: „Bei mir bistu schein – nu sei auch schein – dann wird‘s schein.“ Wenn nicht, wird‘s furchtbar, in der Liebesbeziehung mit Gott wie in jeder Liebesbeziehung. Liebe, die bleiben soll, will immer wieder neu erarbeitet werden – so ist das. Jeder Mensch, der seine Liebesbeziehung zu einem anderen Menschen ernst nimmt, weiß, wieviel Arbeit es kostet, diese Beziehung lebendig und erhaltenswert zu gestalten. Das ist nicht immer das berühmte Zuckerschlecken. Bei den Menschen nicht, bei Gott und Israel auch nicht. Darum gibt Gott Israel die „Arbeitsgrundlage“ zum Bund und sein Versprechen für alle Zukunft gleich mit: Die Tora als Gabe und Aufgabe und die Verheißung „den Bund (zu) halten und die Gnade zu bewahren“ - „bis zur tausendsten Generation.“ Was nichts anderes heißt als: Für immer.
Ich muss noch einmal auf den Anfang dieser Predigt zurückkommen. Da habe ich mit Blick auf so manche wunderlichen menschlichen „Paarungen“ gesagt: „So was gibt’s – und wie schön ist es, dass es das gibt!“ Und in der Tat: Wer wollte solche Beziehungen, solche Entscheidungen allein aus Liebe hinterfragen, statt sich darüber zu freuen?! Da ist eben jeder Mensch sein eigener Souverän, und wir können uns nur mit den beiden mitfreuen, die sich da gefunden haben. Und wenn‘s dann tatsächlich fürs ganze Leben hält, können wir uns doppelt freuen.
Unter Menschen (jetzt muss ich leider deutlich ernster werden als bisher) ist das einigermaßen normal. Wenn es aber um Gott und sein Volk geht, dann war (und ist) es mit der Normalität schnell vorbei. Schon bei nichtchristlichen antiken Autoren können wir das sehen: „Warum machen die einen Tag in der Woche frei – die sind faul!“, hieß es da. Und die christliche Geschichte im Umgang mit der Erwählung Israels ist furchtbar, anders kann man diese Anhäufung von Neid, Missgunst, Eifersucht, Verleumdung und Bösartigkeit, von Verfolgung und Vernichtung und von Pogromen bis zum Gipfel der Shoah nicht zusammenfassen.
Um es flapsig zu sagen: Genützt hat das alles nichts. Nicht von alledem hat dazu geführt, dass Gott sein Volk aufgegeben hat, nichts dazu, dass Christinnen und Christen, dass die Kirche den Platz einnehmen konnte, den Gott seinem Volk zugedacht hat. Gottes Erwählung bleibt, wie er es zugesagt hat, „bis zur tausendsten Generation“, für immer. „Gott hat sein Volk nicht verstoßen“, schreibt Paulus (Röm. 11, 2) nach langwierigem theologischem Ringen in seinem Brief an die Gemeinde in Rom. Das hört nicht auf, nur weil Gott sich freundlich entschlossen hat, andere in seinen Bund mit Israel aufzunehmen, ohne ihnen zwingend die Einhaltung aller Gebote der Tora abzuverlangen. Warum auch?! Warum sollte Gott den einen Bund aufkündigen oder ihn auch nur abwerten, nur weil er mit anderen auch einen schließt!? Da ist es doch viel besser und naheliegender, diese anderen in den schon bestehenden Bund mit hineinzuholen, sie „aus Fremden ohne Bürgerrecht“ zu „Mitbürgern der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ zu machen, wie der wunderbare Epheserbrief das ausdrückt (2, 17 + 19). Oder, in Anlehnung an die Worte der Lesung aus dem 1. Petrusbrief (2, 9), auch ihnen die Tür zu öffnen zum erwählten Geschlecht, zur königlichen Priesterschaft, dem heiligen Volk, damit sie das Volk sind, das er sich zu eigen machte und das er aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.
In Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen hat Gott das mit den Christen und Christinnen aus den Völkern getan. Und auch hier ist es aus reiner, freier Liebe geschehen und (die Geschichte hat es gezeigt) wahrhaftig ohne irgendein Verdienst: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt“, sagt Jesus in den Abschiedsreden des Johannesevangeliums zu seinen Jüngerinnen und Jüngern (15, 16). Auch hier gilt: „Bei mir bistu schein...“ Und – Stichwort „Frucht bringen“ –  auch hier gilt, dass es mit der Gabe eine Aufgabe gibt: Nach den Geboten Gottes zu leben ist auch für Christinnen und Christen die Antwort, auf die die reine, freie Liebe Gottes wartet. Eben: „Bei mir bistu schein – nu sei auch schein – dann wird‘s schein.“
Es ist kein neuer Bund, den Gott da geschlossen hat, um den alten aufzukündigen oder abzulösen. Sondern es ist ein erneuerter Bund, in den er alle Völker mit hineingenommen hat, ohne das ganz Besondere des Bundes mit Israel je zu vergessen.

Das erste Zeichen dieses erneuerten Bundes ist für uns Christinnen und Christen die Taufe, an die wir uns an diesem Sonntag erinnern. Und jede Taufe und jedes Taufgedächtnis erinnern uns an den ursprünglichen  Bund, den der treue Gott aus reiner, freier Liebe geschlossen hat und den er hält für immer. Ihm sei Dank und Lob und Ehre. Amen.