Aktuelle Predigt - 28.1. - Zweite Predigt zur Jahreslosung



Aktuelle Predigt - 28.1. - Zweite Predigt zur Jahreslosung



Mischtechnik/Acryl COR 2007

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L.G.

Hunger und Durst sind bedrängende Lebenserfahrungen.

Nicht das bisschen Hunger, das man zwischendurch mal hat, oder der sog. „kräftige Hunger“, der einen befällt, wenn man vorher ordentlich was geleistet hat …

Auch nicht der gewöhnliche Durst, wenn die Kehle trocken ist, oder die Sonne uns mal kräftig zugesetzt hat und ein kühler Schluck gut tut.

Sondern Hunger und Durst, der an die Substanz geht.

Hunger und Durst am Rande des Verhungerns und Verdurstens.

Und als zunehmend verzweifeltes Verlangen und als Überlebensfrage.



Wir, die nachgewachsene Generation und unsere Kinder, kennen dieses Hungern und Dürsten nicht.

Die Älteren unter ihnen aber erinnern sich noch an Kriegs- und Nachkriegszeiten, in der Hunger und Durst leidvoll waren.

Und während dieser Stunde Gottesdienst, wo wir wohl alle die Möglichkeit hatten vorher zu frühstücken, und vielleicht gerne nachher noch zum Kirchenkaffee bleiben, sterben jetzt gerade Unzählige an Hunger und Durst.

In der vergangenen Woche habe ich schon einmal über die diesjährige Jahreslosung gepredigt und will es heute nochmal tun, aus anderer Perspektive.

Sie haben sie nochmal vor sich in Bild und Text – Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst – Offenbarung 21,6.

Während es mir vor einer Woche um die Frage ging „Aus welchen Quellen leben wir?“, möchte ich heute noch einmal gucken, was der Textzusammenhang unserer Jahreslosung ist und wer die ursprünglichen Adressaten gewesen sind …

Und dabei ist der Durst, das „Dürsten nach ...“, der Anknüpfungspunkt …

…..

Wenn wir uns Christen nennen, getauft und konfirmiert, Mitglieder der Kirche und der Gemeinde, Besucher der Gottesdienste sind – dann hat das nichts Dramatisches,

dann erfordert es keinen Mut und keine Courage, dann können wir das tun.

Es mag sein, dass Andere uns für antiquiert halten.

Uns belächeln, den Kopf schütteln, mal kritsche oder spöttische Bemerkungen machen.

Aber auch in unserer nachchristlichen, offenen, religiös-pluralistischen und weltanschaulich offenen Gesellschaft tut es in der Regel nicht weh zu sagen: „Ich bin Christ, evangelisch, Mitgied der Kirche, in ihr aktiv!“

Schwieriger wird es schon, wenn wir weitergehende Konsquenzen aus unserem Glauben ziehen und anders leben, denken, reden und handeln als unsere Umwelt. Wenn wir ablehnen, was Andere befürworten oder für normal halten. Wenn wir bis ins Politische hinein zu kritischen Geistern werden.

Aber auch dann droht uns in der Regel nichts, was uns in unserem Leben gefährdet und wehtut.

Christsein – offen, engagiert, bekennend – setzt uns keiner Verfolgung aus.

Das ist in anderen Teilen der Welt nicht so.

Und das war auch über weite Strecken der Geschichte nicht so.




Das Fisch-Symbol, das heute so dekorativ auf manchen Autos klebt, war ursprünglich das Geheimzeichen für verfolgte Christen, die sich verstecken und heimlich treffen mussten.


Der Kaiserkult es damaligen Römischen Reiches verlangte bedingungslose Unterwerfung vor und Anbetung des Kaisers – und bei Verweigerung drohte der Tod, oft zur Belustigung des Volkes, in den Arenen des damaligen Reiches.


Die jungen Gemeinden, die sich damals in der Nachfolge Jesu bildeten und ausbreiteten, erlebten Verfolgung, Angst und Lebensbedrohung.



Und in diese historische Situation hinein schickte sich die Offenbarung des Johannes:

Ein Trost- und Ermutigungsschreiben an verfolgte Gemeinden in Kleinasien, rund um die Wende zum 1. Jhdt.

Ihnen wollte der Verfasser – ein gewisser Johannes, selbst Gefangener um seines Glaubens willen – Mut machen in der Bedrängnis.

Er tut es mit der Schilderung von Visionen, Bildern, erschreckenden Szenarien von einem großen Kampf und finsteren Ereignissen, die über die Erde kommen.

Und so hat dieses letzte Buch der Bibel immer wieder – bis heute – Anlass gegeben zu Spekulationen und Berechnungen, wann und wie die Welt untergeht.

Schalen des Zorns werden über die Erde ausgegossen, ein Buch mit 7 Siegeln wird geöffnet, apokalyptische Reiter galoppieren, ein mächtiges Tier steigt aus dem Meer, der Satan selbst kommt zu Fall … Es ist schon recht gruselig, was Johannes da aufbietet und dem Leser bzw. Hörer zumutet.

Aber es entspricht der Dramatik des Zeiterlebens der ersten Christengemeinde damals – diesem Kampf zwischen dem mächtigen, gottlosen, tyrannischen, die Christen verfolgenden römischen Kaiserreich und dem Evangelium Jesu, seiner Botschaft vom Reich Gottes und seinem Ruf in die Nachfolge.

Wohin führt das Wüten der Welt?

Das Getose, das scheinbar alles in den Abgrund reisst?

Die scheinbar übermächtige, alles verschlingende dunkle Macht des Bösen?

In der Schriftlesung haben wir schon gehört, wie die Offenbarung des Johannes endet: Die alte, leidvolle Welt kommt an ihr Ende – ein neuer Himmel und eine neue Erde erscheinen – Gott wird abwischen alle Tränen – Tod und Leid haben ein Ende …

Und genau hier knüpft unsere Jahreslosung an – mit dem Bild vom Durst, der gestillt sein wird, ein für alle Mal, auf ewig, nicht nur vorübergehend.

Der Durst nach Gerechtigkeit, der Durst nach Trost, der Durst nach einem Ende all der quälenden Bedrängnis.



Natürlich beklagen auch wir alles Elend dieser Welt.

Hoffen, dass Dinge sich zum Guten wenden.

Nehmen Anteil, wo uns Leid begegnet.

Und bleiben selber von Leid und Unglück menschlichen Lebens nicht verschont.



Aber hier geht es doch um etwas Anderes, was unsere Hörersituation angeht:

Weil uns unser Christsein und unser Kirchesein nicht viel kostet.

Weil wir nicht bis aufs Blut gefordert und bedroht sind um unseres Glaubens willen.

Weil wir nicht, wie an anderen Orten oder zu anderen Zeiten, vor dem Entweder-Oder der Beugung stehen, wie die Christengemeinden damals in Kleinasien.

Ihnen sagt Johannes: Haltet durch! Gebt nicht auf! Werft Euer Vertrauen nicht weg!

Euer Durst soll gestillt werden.

…..



Soweit, so gut – könnte man sagen.

Aber es bleiben für mein Empfinden wohl doch zwei Fragen:



Erstens:

Ist es nicht die Vetröstung auf ein anderes Leben, eine andere Welt, irgendwo, später, jenseits der Wirklichkeit – wie man es Religion und Christentum oft vorgeworfen hat?

Haltet jetzt mal schön aus, ertragt und duldet – es wird Euch im Himmel wohl belohnt werden?

Nein, dürfen wir hier sagen, denn die Offenbarung des Johannes haben bedrängte und verfolgte Christen ja nie als Ruhigstellung empfunden, sondern sozusagen als Aufruf, weiter im aktiven Widerstand zu bleiben, weiter ihren Glauben zu leben, weiter aufzubegehren gegen all die Tyrannen und Reiche und Hochburgen des Bösen!

Und nicht zuletzt aus der Bekennenden Kirche und im Widerstand gegen Hitler gibt es bewegende Zeugnisse, Predigten und Andachten zur Offenbarung des Johannes, die uns zeigen, dass es gerade nicht um billige Vetröstung und ein Sich-Schicken- in-die-Verhältnisse geht, wenn man über der Offenbarung die Hände faltet.



Aber eine zweite Frage bleibt – und die lautet: Ist das in der Offenbarung nicht alles in bisschen arg schwarz-weiss gezeichnet – dieses Kampf zwischen Gut & Böse, Licht & Finsternis, dem Satan und Gottes Macht?



Traugott Giesen, der Pfarrer, hat einmal geschrieben: „Kirche ist gut und wichtig für eine wohltemperierte Gesellschaft.“

Ich weiss, was er meint.

Aber gibt es nicht auch ein wohltemperiertes Christsein, das sich der Dramatik und den Kämpfen in der Welt und in der Gesellschaft nicht stellen will?

Das beschwichtigt und sich einrichtet und keine „große Welle“ machen will?



Nach der Verheißung für die, die an ihrem Glauben festhalten in aller Bedrängnis und Verfolgung, kommt jedenfalls noch ein Satz, der uns vielleicht garnicht passt – eben weil er garnicht mehr gnädig daherkommt und schwarz-weiss malt, denn da heisst es: „Die Feiglinge aber, die Mörder und mit dem Bösen Paktierenden, die Götzendiener und alle Lügner – ihr Teil wird in dem See sein, der von Feuer und Schwefel brennt, das ist der zweite Tod.“



Ein „Oh, nein!“ liegt da nahe.

Gerade das braucht unsere Welt ja nicht!

Genau dagegen rebelliert alles in uns – Religion als Kampf gegen die Ungläubigen, Dschihad, Heiliger Krieg, ein Nieder mit den Ungläubigen!



Doch auch hier Vorsicht:

Denn es gibt einen Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, der aus dem Leiden kommt.

Und aus dem Mitleiden.

Eine tiefe Verzweiflung im Blick auf die, die als Menschen anderen Menschen Bestialisches antun.

Der Hunger und Durst nach einem Ende des Bösen und – zumindest menschlich – auch nach einem Ende derer, die Böses tun …



Bruce Cockburn – ein kanadischer Musiker, Friedensaktivist und Kämpfer für Menschrechte – ist Christ und sein Glaube drückt sich in vielen seiner Lieder aus.

Nach einem Besuch in den 80er Jahren Südamerika und em Erleben, wie amerikanische Helikopter ein Dorf anfliegen und es beschießen, Frauen und Kinder töten, und dann wieder davonfliegen, schrieb er ein Lied mit dem Titel „If i had a rocker Launcher“ - „Wenn ich einen Raktenwerfer hätte“ - und fährt fort „dann würde ich sie da jetzt vom Himmel herunterholen ...“

Dieses Lied passt eigentlich so garnicht zu seiner Grundhaltung und es hagelte viel Kritik von frommer Seite.

Aber Cockburn sagte: „Ja, es passt nicht … aber ich möchte, dass die Hörer verstehen und nachvollziehen können, wie tief die Abgründe der Verzweiflung und der Wut sein können, wenn Menschen anderen Menschen sowas antun ...“

….

Ich schließe diese zweite Predigt über die Jahreslosung deshalb mit einem – auch uns in unserem in vielem so wohltemperierten Christsein herausfordernden – Jesus-Wort aus den Seigpreisungen am Anfang der Bergpredigt – denn da heisst es:

„Selig sind, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie sollen satt und ihr Durst soll gestillt werden!“

Thomas Corzilius